Armutszeugnis: CEOs können bilanzieren, aber keine Menschen führen
Geschrieben am: 25-05-2013 | Abgelegt in: Büro-Alltag
Sobald es um das Führen von Menschen geht, machen CEOs einen lausigen Job. Danach gefragt, was die Aufsichtsräte für die größten Schwächen ihrer CEOs hielten, antworteten diese unisono “Mentoring” und “Personalentwicklung”. Oder anders gesagt: Den Top-Managern mangelt es vor daran, Talente in ihren Unternehmen zu fördern und damit nachhaltig eine nächste Generation an fähigen Führungskräften zu entwickeln. Doch stattdessen: nur kurzfristiges Denken samt entsprechender Wachstumsstrategien. Das sage nicht ich, vielmehr ist es das Ergebnis einer Studie des Center for Leadership Development and Research an der Stanford Universität.
Top-Manager ohne Top-Stärken
Für die Forscher zeigte sich während der Studien ein desaströses Manager-Bild. Die Fokussierung auf Zahlen, Aktienkurse und operative Aufgaben – das würden zwar viele im Top-Management beherrschen. Aber auf der menschlichen Seite herrsche großer Mangel. Ein einziger Mutantenstadl.
Gefragt nach den Stärken der CEOs bildet etwa “Konfliktmanagement” das Schlusslicht. Nicht mal ein Fünftel der befragten Aufsichtsräte bescheinigte ihren Konzernlenkern diesbezüglich vorhandene Fähigkeiten. Zum Vergleich:
- 70 Prozent sagen, zu den Top-Stärken der Top-Manager gehöre Entscheidungsfreude.
- 41 Prozent nennen als Stärke Buchführung, Bilanzierung, Aktienkursoptimierung.
- Aber nur 27 Prozent bescheinigen ihnen indes Empathie oder Mitgefühl.
- Lediglich 24 Prozent erkennen Mentoring-Stärken.
- 23 Prozent finden, die CEOs könnten auch zuhören.
- Und nur 22 Prozent erkennen die Fähigkeit, delegieren und Macht abgeben zu können.
Zwar finden die die Board Direktoren und Aufsichtsräte, Manager müssten in sowohl in finanziellen wie auch zwischenmenschlichen Bereichen brillieren, tatsächlich aber herrsche hier ein großes Ungleichgewicht. Oder wie David Larcker, Vizedirektor des Stanford Center for Leadership Development es zusammenfasst:
Unfortunately, the truth of the matter is that the CEO evaluation process is not that balanced. Amid growing calls for integrating reporting and corporate social responsibility, companies are still behind the times when it comes to developing reliable and valid measures of nonfinancial performance metrics.
Siehe hierzu auch einen lesenswerten Forbes-Artikel.
Intelligenzbestien im Wortsinn
Aber überrascht einen das wirklich? Seit Jahren gleich sich die Lebensläufe im Top-Management immer mehr an. Die Leute haben hohe Ambitionen, wollen alles sofort und auch alles richtig machen, möglichst früh. Heraus kommt das: Studium an einer Spitzenuniversität, natürlich in Rekordzeit, zig Praktika, davon einige im Ausland, zwei Fremdsprachen fließend, mobil, flexibel, strahlend gebleachtes Siegerlächeln.
Solche Nachwuchskräfte wollen meist hoch hinaus, haben ihre Laufbahn optimiert, den Lebenslauf genauso sorgfältig geplant und abgearbeitet wie die Radtour durchs australische Outback gleich nach der Uni. Das alles ist nicht verwerflich, sondern vorausschauend, umsichtig und klug. Aber das reicht nicht. Was auf der Strecke bleibt, ist die Persönlichkeit.
Performance, Pflichtpraktika, Etikettekurse, Erfolge – darauf konzentrieren sich die Unternehmen dann bei der Bewerberauslese. Beschäftigt oder befördert werden so zwar analytisch brillante, kühl kalkulierende Köpfe – nicht selten aber auch berechnende Opportunisten, denen der soziale Abgleich fehlt. Intelligenzbestien im Wortsinn.
Wohin das führen kann, haben zahlreiche Managerskandale gezeigt. Bilanzmanipulation, Insidermissbrauch und Raffgier füllten die Schlagzeilen. Was wiederum den Volksglauben vom hässlichen Kapitalismus befördert. Der kann aber gar nichts dafür. Das ist so als würde man den Hammer dafür verurteilen, dass er den Daumen und nicht den Nagel trifft.
Hochbezahlte Arbeitstiere
Zum Glück gibt es – wenn auch nur selten – die Gegenbewegung: Unternehmen, die nach Charakter statt nach Inselbegabung suchen. Das macht den Ausleseprozess zwar nicht leichter, aber Sinn. Akademische Intelligenz korreliert nicht zwingend mit Kreativität und sozialem Geschick. Auf letztere kommt es aber in immer schnelleren, globaleren Märkten an. Wer an der Uni brilliert, kann im Markt trotzdem versagen, wenn er neuen Trends mit 0815-Methoden begegnet.
Der Keim der Innovation steckt oft im Unkonventionellen. Gute Ideen entstehen, weil jemand quer denkt, rumspinnt, fantasiert oder träumt. Dieses Verhalten ist dem Karrieristen fremd. Er hat gelernt, seine Ziele geradlinig zu verfolgen, mit dem Kopf durch die Wand und zur Not über Leichen.
Oft sucht er dabei nicht einmal das Wohl des Unternehmens, sondern sein eigenes. Das macht ihn zudem illoyal. Je höher aber so ein Mitarbeiter aufsteigt, desto mehr ist er Visitenkarte des Unternehmens. Läuft das Geschäft glänzend, sind vielleicht Glänzer an der Spitze gar nicht so verkehrt. Wenn es aber darum geht, Solidität und Substanz zu demonstrieren, muss sich das auch in der Persönlichkeit des Managers spiegeln. In jemandem, der qua Argument überzeugt und nicht qua Ellbogen.
Die Zuschnitte neuerer Auswahlverfahren sollten dafür sorgen, dass die Charakterfrage den Ausschlag gibt. Was Unternehmen erfolgreich macht, sind nicht hochbezahlte Arbeitstiere und im Windkanal optimierte Mutanten, sondern Menschen, die nicht nur mit dem Verstand führen, sondern auch mit Herz und Empathie, die Vorbild sind, Werte leben, die verlässlich und offen für Neues bleiben.






















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